Saturday, 24 October 2020

RATLAND'S CUCKOO'S NEST

 

Psychische Erkrankungen: Seid positiv!

Lu erklärt China Serie
© Xu Duo/​Mark Claus/​unsplash.com

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Seid positiv!

In China waren psychische Erkrankungen lange ein Tabu, nun müht sich der Staat um Behandlungsmöglichkeiten. Die Gewaltgeschichte des Landes aber wird weiter beschwiegen.
Psychische Erkrankungen: Psychische Erkrankungen waren in der Volksrepublik seit ihrer Gründung im Jahr 1949 schon immer ein schwerwiegendes Problem. Die gewalterfüllten ersten drei Jahrzehnte der Volksrepublik haben tiefe Wunden hinterlassen.
Psychische Erkrankungen waren in der Volksrepublik seit ihrer Gründung im Jahr 1949 schon immer ein schwerwiegendes Problem. Die gewalterfüllten ersten drei Jahrzehnte der Volksrepublik haben tiefe Wunden hinterlassen. © Kevin Frayer, China Photos/​Getty Images

Seid positiv! – Seite 1

Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

"Die Schule hat eine Umfrage zur geistigen Gesundheit durchgeführt, bei der alle mitmachen mussten. Wir saßen im Computerklassenraum. Der Lehrer hielt einen Lautsprecher und rief: Macht keinen Unsinn! Bringt euch und andere nicht in Schwierigkeiten! Seid positiv! Macht es uns allen nicht schwer!" Diese absurde Szene, die ein chinesischer Student auf dem chinesischen Twitter-Äquivalent Weibo schildert, erlaubt einen Blick auf die ungeschickten Anstrengungen der Nationalen Gesundheitskommission, die Bürgerinnen und Bürger auf Depressionen zu screenen. Die Aktion zielt auf Schülerinnern und Schüler der höheren Stufen und auf Studierende, auf schwangere Frauen, Senioren und andere Risikogruppen.

Psychische Erkrankungen sind in der Volksrepublik China seit ihrer Gründung im Jahr 1949 schon immer ein schwerwiegendes Problem gewesen. Die gewalterfüllten ersten drei Jahrzehnte der Existenz der Volksrepublik haben tiefe Wunden hinterlassen: mit ununterbrochenen und willkürlichen Verfolgungen über alle sozialen Schichten hinweg, der Großen Hungersnot von 1959 bis 1961, der zwischen 35 und 45 Millionen Menschen zum Opfer fielen, und der Kulturrevolution mit ihren rund 1,5 Millionen Toten und Gewalt, die bis ins letzte Dorf reichte und alle Klassen durchdrang. Der Psychotherapeut Tomas Plaenkers vom Sigmund-Freud-Institut zeigte in dem 2010 von ihm herausgegebenen Band Chinesische Seelenlandschaften. Die Gegenwart der Kulturrevolution, dass die Chinesen noch immer am generationenübergreifenden Trauma leiden, das diese Gewalterfahrungen hinterlassen haben. Offene Diskussionen darüber unterbindet die Regierung nach Möglichkeit. In den meisten chinesischen Familien ist das Thema tabu, was die Überwindung des Traumas noch weiter erschwert.

Nach der Kulturrevolution hat China keine ähnlich unerbittliche kollektive Gewalterfahrung gemacht. Was aber nicht heißt, dass die Leute nicht immer neue Belastungen zu ertragen haben. Um besser zu verstehen, was das für den Einzelnen bedeutet, können wir uns das Leben eines ganz normalen Bürgers mittleren Alters in einer zentralchinesischen Stadt vor Augen führen. Nennen wir den nicht mehr ganz jungen Mann: Yun.

Yun wird 1979 geboren, seine Eltern arbeiten in einer staatseigenen Fabrik. Yun und seine Mutter leiden unter der fortgesetzten häuslichen Gewalt des Vaters, der während der Kulturrevolution Mitglied der Roten Garden war. Er begreift es immer noch als Ehre, in Straßenkämpfe und Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fraktionen der Roten Garden verwickelt gewesen zu sein.

Gegen die Prügel können Yun und seine Mutter kaum etwas tun. Es galt und gilt an vielen Orten in China als gerechtfertigt, seine Frau zu schlagen, und das gewaltsame Züchtigen von Kindern wurde lange als taugliche Erziehungsmaßnahme gesehen. Als Yun zur Grundschule geht, wird sein Vater aus seiner Stellung in der Fabrik entlassen, was diesen zu Hause nur noch gewalttätiger macht. Oft weint Yun vor Schmerz, Angst und Wut, aber Nachbarn und Verwandte erklären ihm nur, er müsse die Gefühle seines Vaters verstehen, dieser verprügle ihn einzig aus Liebe. Manch einer lacht sogar über die Tränen. "Da Hai Zi", das Verprügeln der Kinder, ist bis heute in China oft Bestandteil von Witzen.

Die Polizei war, als Yun noch ein Kind war, auch keine Hilfe. Das erste Gesetz gegen häusliche Gewalt wurde in China erst 2016 erlassen, da ist Yun schon 37 Jahre alt. Davor war die Polizei nicht gesetzlich verpflichtet, Opfer häuslicher Gewalt zu schützen. Und dieses verspätete Gesetz ist bis heute wenig akzeptiert und wird unzureichend umgesetzt. Ein erschreckendes Beispiel: Am 14. September 2020 hat der Ex-Mann einer tibetischen Vloggerin diese – während sie auf Social Media einen Livestream sendete – in Brand gesetzt. Die Frau hatte jahrelang die Polizei um Hilfe ersucht, ohne Erfolg. Die Polizei vor Ort hat den Medien später berichtet, sie habe nichts tun können. Sie zitierte ein altes chinesisches Sprichwort: "Auch ein unparteiischer Richter kann häuslichen Streit niemals entscheiden."

Yun ist zum Glück ein guter Schüler, sodass er, da ging es vielen anderen schlechter, in der Schule nur selten körperlich gezüchtigt wird. In den Achtziger- und Neunzigerjahren waren solche Strafen in den Schulen noch völlig normal, Lehrerinnen und Lehrer schlugen Schülerinnen und Schüler mit Stöcken und zwangen sie zum stundenlangen Stehen. Auch heute noch gelten heftiger Tadel und Beschimpfungen weithin als akzeptabel, ja als wirksame Erziehungsmaßnahmen. Sogar viele junge Eltern sehen das so. Im September hat die größte E-Commerce-Plattform Taobao einen Kinder-gelassen-erziehen-Report veröffentlicht. Daraus geht unter anderem hervor, dass 500.000 Menschen auf Taobao den Begriff "Lineal" gesucht haben – das probateste Instrument fürs Schlagen von Kindern während des Hausaufgabenmachens.

Fast die Hälfte der Kinder erlebt Gewalt durch die Eltern

Eine Umfrage des Nationalen Frauenverbands aus dem Jahr 2013 ergab, dass beinahe ein Viertel der chinesischen Frauen bereits häusliche Gewalt erlebt hat. © Anthony Wallace, Wang Zhao/​AFP/​Getty Images

Im Jahr 2012 hat das Bildungsministerium endlich ein Verbot der körperlichen Züchtigung durch Lehrer erlassen. Aber 2019 sah man sich genötigt, das Verbot noch einmal genauer zu fassen, nämlich für "körperliche Züchtigungen, die im Körper der Schüler direkt Schmerz verursachen, wie etwa Schläge, das Stechen mit Nadeln oder andere Varianten physischer Strafen wie der Zwang langen Stehens oder das wiederholte Abschreiben über einen außerordentlich langen Zeitraum hinweg."

Yuns Vater hört auf, ihn zu schlagen, als der Sohn auf die Universität kommt. Die Mutter jedoch schlägt der Vater weiter. Yun selbst fällt es oft schwer, seine Wut zu kontrollieren. Er hat eine Freundin, die er sehr liebt. Er merkt aber, wie er in ihrer Gegenwart schnell eifersüchtig und unsicher wird. Manchmal droht er, er werde sich umbringen, sollte sie ihn verlassen. Die junge Frau sieht seine Eifersucht, seine Unsicherheit und seine gelegentlichen Ausbrüche als Zeichen seiner großen Liebe. Sie heiraten nach dem Uniabschluss, finden beide ordentliche Jobs in einer mittelbedeutenden Stadt und bekommen ein Kind.

Obgleich ihre Einkommen parallel zur rasch wachsenden Wirtschaft Chinas ansteigen, machen ihnen ihre vielen Verpflichtungen zu schaffen. Yuns Vater, inzwischen ein alter Mann mit einer geringen Pension, ist mittlerweile Alkoholiker und erhält eine Leberkrebsdiagnose. Die Behandlung ist unfassbar teuer und nicht von der öffentlichen Gesundheitsversicherung gedeckt. Yun muss sie komplett aus eigener Tasche bezahlen, was ihn fünf Jahre seines Einkommens kostet. Sein Vater stirbt dann trotzdem. 

Yuns Schwiegereltern drängen die beiden ständig, eine größere Wohnung zu kaufen. Was sie dann, mit ein wenig Unterstützung von ihnen, auch tun. Den Kredit, den Yun trotzdem aufnehmen muss, wird er noch viele Jahre lang bedienen müssen. In seiner Firma ist die Konkurrenz groß, regelmäßig muss er täglich zehn Stunden arbeiten, auch an den Wochenenden arbeitet er oft. Zu Hause schließt er sich manchmal im Schlafzimmer ein und spielt dort am Computer, um sich zu entspannen. Zeit für seinen Sohn findet er kaum.

Yuns Frau ist sehr erfolgreich in ihrem Job, verzichtet aber auf die Beförderung, um mehr Zeit für familiäre Sorgearbeit zu haben, besonders für die Erziehung ihres Sohns. Ein Kind ist der Mittelpunkt jeder chinesischen Familie, und ihm die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen bedeutet, jede wache Stunde des Kindes mit Bildung und Ertüchtigung zu füllen: Musik, Mathematik, Schwimmen, und das ab dem Alter von einem Jahr. Einem 2017 von mehreren angesehenen chinesischen Medien veröffentlichten Bericht zufolge kümmern sich in 55,8 Prozent der Fälle die Mütter um die Kinder. Nur in 16,5 Prozent der Fälle teilen sich die Eltern die Sorgearbeit hälftig. 12,6 Prozent der Väter verbringen mehr Zeit mit den Kindern als deren Mütter.

Gewalt durch den Vater, Gewalt durch die Mutter

Yuns Frau träumt, dass ihr Sohn einst an der Universität Tsinghua studieren könnte, einer der besten Universitäten des Landes. Aber er scheint ein wenig langsam und nicht ganz bei der Sache zu sein. Seine Mutter beginnt, die Geduld mit ihm zu verlieren. Tadel und Schläge werden bald ganz normal. Der Sohn schimpft zurück. Auch die Eltern streiten sich immer häufiger, es kommt zu körperlichen Auseinandersetzungen. Die Interventionen der Schwiegereltern fruchten nichts.

Eine Umfrage des Nationalen Frauenverbands aus dem Jahr 2013 ergab, dass 24,7 Prozent, also beinahe ein Viertel der chinesischen Frauen, häusliche Gewalt erlebt haben. 43,3 Prozent der Kinder zwischen zehn und 17 Jahren waren Gewalt durch den Vater, 43,1 Prozent Gewalt durch die Mutter ausgesetzt.

Schon als Kleinkind zeigt Yuns Sohn Zeichen von posttraumatischen Belastungsstörungen, noch mit neun Jahren ist er Bettnässer. In der Schule kommt er trotz einiger Mühen zurecht. Die Erwartungen der Mutter aber, er könne einer der Spitzenschüler sein, erfüllt er bei Weitem nicht. Beim Übertritt ins Gymnasium entwickelt er Symptome von Depression: Er ist lustlos, schläft schlecht, kann sich nicht konzentrieren, wirkt abwesend. Wie sein Vater sucht er Zuflucht bei Computerspielen, wann immer er kann, obwohl es ihm seine Eltern strikt verbieten.

Krankheiten hält man traditionell für ein Zeichen der Schwäche

Sogar in Städten mit einer im Schnitt höher gebildeten Bevölkerung (links ein Bild aus einer psychiatrischen Einrichtung in Peking) ist weniger als die Hälfte der Bewohner in der Lage, die Symptome einer Depression korrekt zu identifizieren. © Reuters, China Photos/​Getty Images

Seine Eltern begreifen nicht, dass er Hilfe braucht. Yuns Generation mag besser ausgebildet sein als die seines Vaters, aber mit psychischen Problemen oder gar Erkrankungen kennen ihre Vertreter sich kaum aus. Sie sind mehr als skeptisch, wenn es um die Behandlung geht. In China hält man Krankheiten traditionell für ein Zeichen der Schwäche, das man am besten ganz ignoriert oder durch seinen starken Willen besiegt.

Sogar in Städten mit modernen Einrichtungen und einer im Schnitt höher gebildeten Bevölkerung wie Shanghai sind weniger als 42 Prozent der Bewohner in der Lage, die Symptome einer Depression korrekt zu identifizieren. Laut eines Reports zur geistigen Gesundheit liegt die Quote derjenigen, die bei Depressionen und anderen affektiven Störungen medizinische Hilfe suchen, in China nur bei 9,5 Prozent. Dabei kommt es immer häufiger zu Tragödien, zu Fällen wie dem eines neunjährigen Mädchens, das sich umgebracht hat, weil sie ihre Hausaufgaben nicht schaffte. Jahr für Jahr sterben in China rund 100.000 Kinder und junge Erwachsene durch Suizid.

Am 17. September 2020 spielte ein 14-jähriger Junge in der Schule unerlaubterweise Karten mit seinen Mitschülern. Die Lehrerin bestellt die Mutter ein zu einem Gespräch. Die wütende Mutter eilte herbei, schlug dem Jungen ins Gesicht und schimpfte mit ihm. Als sie sich umdrehte, um dem Lehrer zu folgen, sprang ihr Sohn aus dem Fenster.

Yuns Sohn hat das Gymnasium überstanden und beginnt an einer mittelmäßigen Universität zu studieren. Obwohl er erleichtert ist, fern von seinen Eltern zu sein, findet er weder im Studium noch in seinem Privatleben Freude. Wie viele seiner Mitschülerinnen und Mitschüler kämpft er mit den psychischen Folgen, die der heftige Konkurrenzkampf der Eingangsprüfung für Universitäten, die geringe Selbstachtung aufgrund der destruktiven Erziehung und wachsende Zukunftsängste ausgelöst haben. Eine Vergleichsstudie aus dem Jahr 2016 kam zum Ergebnis, dass die Häufigkeit von Depressionen bei chinesischen Studierenden bei fast 24 Prozent lag. Die Regierung warnt seit einigen Jahren, dass Depressionen unter Teenagern und jungen Erwachsenden ein wachsendes Problem sei.

Selbst die Mitschülerinnen und Mitschüler, die er heftig beneidet, jene, die es auf Ivy-League-Universitäten in den USA und die Eliteuniversitäten in Großbritannien geschafft haben, sind nicht so glücklich, wie Yuns Sohn sich das vorstellt. Eine Studie der Yale-Universität aus dem Jahr 2013 hat gezeigt, dass 45 Prozent der chinesischen Studierenden dort depressiv waren und 29 Prozent Angststörungen hatten. Nur vier Prozent von ihnen haben bei den Anlaufstellen der Universität psychologische Hilfe gesucht. Und die Situation hat sich seitdem nicht verbessert.

Das ist der Grund dafür, dass die chinesische Regierung bei ihren Richtlinien für die letztjährige Initiative Gesundes China (2019–2030) die "Förderung geistiger Gesundheit" als eines ihrer Hauptziele ausrief, wobei auf der Verbesserung der geistigen Gesundheit von Teenagern und jungen Erwachsenen noch einmal ein besonderes Augenmerk lag. Gymnasien und Colleges werden darin aufgerufen, Akten zur geistigen Gesundheit ihrer Schülerinnen, Schüler und Studierenden anzulegen, mit ausdrücklichem Fokus auf diejenigen mit "abweichenden" Ergebnissen bei den Beurteilungen. 

Für die Verwaltungen dieser Bildungseinrichtungen bedeutet das freilich eine weitere Verantwortung zusätzlich zum ohnehin schon nervenaufreibenden Konkurrenzkampf. Für die Studierenden ist die Last aber noch heftiger: Viele von ihnen fühlen sich unter Druck, "positive" Ergebnisse zu erzielen, da man nicht wissen kann, was eine "abweichende" Beurteilung in ihrer Akte für die zukünftige Ausbildung und Karriere womöglich bedeutet. Die gründliche Beobachtung junger Menschen mag sich guten Absichten verdanken, aber wenn sie nicht sachgerecht durchgeführt wird, kann sie das Gegenteil des Gewünschten erreichen.

Heilung ist nur möglich, wenn man sich der Wahrheit stellt

Arbeitsmigranten und -migrantinnen lassen ihre Kinder in der Obhut von deren Großeltern zurück. Viele von ihnen sehen die Eltern nur einmal im Jahr, was ihre Entwicklung hemmt und Angst und Unsicherheit verstärkt. © Wang Zhao/​AFP/​Getty Images

"Viele Universitäten erkennen die Bedeutung nicht, die die geistige Gesundheit der Studierenden hat. Ich kenne persönlich Univerwaltungen, die Studierende mit psychischen Problemen zu sich bestellen, nicht um ihnen angemessene Unterstützung anzubieten, sondern um sie zu überreden, eine Auszeit zu nehmen, oder wenigstens nichts 'Dummes' zu tun, das 'den Ruf der Universität' beschädigen könnte." Das schrieb ein Assistenzarzt der Psychiatrie am Zentrum für psychische Gesundheit in Shanghai.

Ich habe Ähnliches von verschiedenen Studierenden an höheren Schulen gehört: "Man hat bei mir eine bipolare Störung diagnostiziert. Daraufhin wurde ich 'freundlich' zu einem Gespräch (mit dem Dozenten, Anmerkung der Autorin) vor der ganzen Klasse geladen, als befürchteten sie, dass es irgendjemand nicht mitbekommen könnte." Das schrieb mir eine Studentin. Viele bekommen Einladungen zu Gesprächen mit den Lehrenden, aber die Universitäten bieten keine professionelle Hilfe. Solche "Gespräche" haben in der Regel den Charakter einer bürokratisch motivierten Unterrichtung, meist geht es darum, abschätzen zu können, wie viel Ärger die Studierenden der Universität bereiten könnten.  

Der Mangel an Kenntnissen in den Erziehungs- und Bildungsinstitutionen spiegelt die relativ langsame Entwicklung der nötigen Hilfe für psychisch Erkrankte in China. Im Jahr 2002 gab es nur 583 psychiatrische Einrichtungen im ganzen Land – für damals 1,28 Milliarden Chinesen. Das macht weniger als ein Bett pro 10.000 Menschen. Ende 2004 begann die Zentralregierung, sich des Problems endlich anzunehmen. Ein bescheidenes Budget wurde den lokalen Regierungen zugeteilt, um medizinische Projekte zur Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen zu unterstützen. Medizinische Unterstützung und Verwaltung für Patientinnen und Patienten mit psychischen Krankheiten waren Teil des nationalen Gesundheitsreformplans. 2015 gab es dann immerhin schon 2.936 psychiatrische Einrichtungen mit 433.090 Betten, auf 10.000 Menschen kamen jetzt 3,16 Betten. Das ist etwa ein Viertel der deutschen Pro-Kopf-Kapazitäten.

Was Psychologen nicht hören wollen

Es könnte sein, dass Yuns Sohn einen professionellen Psychiater oder eine Therapeutin aufsucht. Er würde wahrscheinlich herausfinden, dass die Wut auf seine Eltern gerechtfertigt ist und dass diese ebenfalls Opfer eines bestimmten politischen und kulturellen Erbes geworden sind. Aber darauf müsste er selbst kommen, da viele Psychologen und Psychiaterinnen in China es nicht hören wollen, wenn ihre Patienten und Patientinnen die Gewaltgeschichte der Volksrepublik kritisieren. Therapeuten ermutigen sie erst recht nicht, die Verbindungen zu den Eltern zu lösen. Systemloyalität und Elternfrömmigkeit sind noch immer unberührbare Grundsätze.

Im Vergleich zu seinen Altersgenossinnen und -genossen auf dem Land sind die Bedingungen für Yuns Sohn aber noch gut. Arbeitsmigranten und -migrantinnen, und das ist der größte Teil der niedrig bezahlten Arbeitskräfte in China, lassen Millionen von Kindern in der Obhut von deren Großeltern zurück. Die chinesischen Städte verweigern diesen Kindern mithilfe eines rigiden Hukou-Systems der Aufenthaltsgenehmigung den Nachzug. 2018 waren noch immer fast sieben Millionen Kinder von ihren Eltern getrennt.

Viele von ihnen sehen die Eltern nur einmal im Jahr, was ihre Entwicklung hemmt und Angst und Unsicherheit verstärkt. Eine 2019 beendete Untersuchung fand heraus, dass 65,1 Prozent dieser Kinder physische und 91,3 Prozent psychische Gewalt erlitten haben. 30,6 Prozent waren Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, 40,6 Prozent wurden durch die Erwachsenen vernachlässigt. Und 13,7 Prozent von ihnen waren Opfer aller genannten Probleme. Es ist schwer, sich eine gute Zukunft für sie vorzustellen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch sie einmal als billige Arbeitskräfte in die Städte ziehen. Wenn sie irgendwann alt sind und womöglich aufs Land zurückkehren, begehen viele von ihnen wegen Armut, Krankheit, Einsamkeit oder unbezahlbarer Arztrechnungen Suizid.

Laut des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -Vorbeugung gab es in China 2015 (das ist die jüngste Statistik, die sich finden lässt) mehr als 173 Millionen Menschen mit irgendeiner Form psychischer Probleme. Zwei Prozent der Gesamtbevölkerung litten unter Depressionen, fünf Prozent unter Angststörungen. 16 Millionen von ihnen gelten als schwere Fälle.

Yuns Familiengeschichte ist typisch für städtische Mittelschichtfamilien in China. Diese fiktive Familiengeschichte habe ich auf meiner eigenen Erfahrung und der vieler Menschen, die ich kenne, basiert. China hat einen weiten Weg vor sich in diesem Kampf gegen die Traumata der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Anstrengung des Gesundheitsministeriums mag in vielerlei Hinsicht Verbesserungen bringen, aber wirkliche Heilung ist nur möglich, wenn man sich der Wahrheit stellt und sie ausspricht. Für die meisten Chinesinnen und Chinesen ist das leider nach wie vor keine Option.

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