Tuesday, 2 February 2021

 

Kriegsschiff Charles de Gaulle 42.000 Tonnen Diplomatie

Frankreichs 42.000 Tonnen Diplomatie

Von MICHAELA WIEGEL

02. Februar 2021 · Wie sähe es aus, wenn die Europäer mehr militärische Verantwortung übernehmen wollten? Ein Besuch auf dem französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle.

Über die Bordlautsprecher dröhnen Durchsagen, während Kommandant Guillaume Pinget sicheren Trittes auf der Steiltreppe vorauseilt. „Keine hochhackigen Schuhe, keine eng geschnittenen Kleider!“, hatte die Kommunikationsoffizierin gemahnt, bevor sie die Besuchsgenehmigung für den Flugzeugträger Charles de Gaulle bestätigte. Sie grinst verschwörerisch, denn selbst mit flachen Sohlen sind die schmalen Stufen der nicht enden wollenden Steiltreppen für ungeübte Besucher eine Herausforderung. Es ist, als würde man den Triumphbogen in Paris auf rutschigen Planken hinauf- und hinunterklettern. Mit 75 Metern ist das Trägerschiff ungefähr so hoch wie Napoleons Schlachtendenkmal – und für den französischen Nationalstolz mindestens ebenso bedeutsam. Beim Stapellauf 1994 schrieb das „Journal du Dimanche“ begeistert: „Frankreichs Grandeur ist nicht immer eine Illusion“. 

Flugzeugträger Charles de Gaulle von oben: Piloten sagen, es sei, als müsse man auf einem Tennisplatz landen.
Flugzeugträger Charles de Gaulle von oben: Piloten sagen, es sei, als müsse man auf einem Tennisplatz landen. Foto: Marine nationale

Um die Charles de Gaulle wirklich kennenzulernen, müsse man sich darin verlieren, meint der Kommandant augenzwinkernd in einem der muffigen, neonbeleuchteten Gänge. Er strebt weiter durch das Labyrinth voran. Ein Schott öffnet sich, und vor uns liegt die „Schatzkammer“ des Flugzeugträgers: die 4600 Quadratmeter große Wartungs- und Reparaturhalle, in der Chefmechaniker Xavier über „eine Million Ersatzteile“ herrscht, wie er sagt. Zwei Flugzeuge können über die beiden riesigen Lastenzüge an den Seiten innerhalb von sieben Sekunden auf das Flugdeck gehoben werden. Auf dem Boden markieren zwei runde, zwölf Meter große Deckel die beiden darunter gelagerten Atomreaktoren.

In knapp zwei Wochen sticht das nukleargetriebene Trägerschiff nach coronabedingter Zwangspause wieder ins Meer mit dem Auftrag, sich neu formierende Stellungen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) im Irak zu bombardieren. Der französische Militäreinsatz in der internationalen Anti-IS-Koalition Inherent Resolve steht im Parlament nicht zur Debatte. Eine Mehrheit der Franzosen will nie wieder erleben, dass IS-Terroristen aus dem syrisch-irakischen Kampfgebiet Anschläge wie die im November 2015 in Paris mit 130 Toten organisieren können. Die Reise soll vom östlichen Mittelmeer bis in den Indischen Ozean gehen.

Grafik: Bernd Helfert, Foto: Reuters

Trotz der Pandemie dürfe der Kampf gegen den Terrorismus nicht ruhen, betont der Kommandant. Im vergangenen Frühjahr sah es aber ganz so aus, als hätte das Coronavirus den Flugzeugträger außer Gefecht gesetzt. Mehr als 1000 Besatzungsmitglieder steckten sich an, die Charles de Gaulle musste frühzeitig den Heimathafen von Toulon anlaufen. Die Nation fühlte sich blamiert, schließlich zählt der Flugzeugträger zur „Force de Frappe“, der französischen Nuklearstreitkraft. Die Nationalversammlung stellte die Verteidigungsministerin zur Rede, es laufen noch mehrere Untersuchungen. Kommandant Pinget geriet in die Kritik, weil er sich anders als der amerikanische Kommandant der USS Theodore Roosevelt nicht zugunsten der Besatzung mit seinen Vorgesetzten angelegt hatte. „Es war wirklich eine Erfahrung, auf die wir alle gern verzichtet hätten“, sagt Pinget, der selbst erkrankte. Mehr will er dazu nicht sagen. Derzeit erhalten alle Besatzungsmitglieder eine Impfdosis. Denn auch wenn der Träger das größte Schiff der französischen Flotte ist: Beim Platzmangel an Bord fällt es schwer, die Abstandsregeln einzuhalten.

Im Heimathafen am Marinestützpunkt in Toulon ist man eigentlich daran gewöhnt, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. „Es gibt keine Panne und keinen Defekt, an den wir nicht gedacht hätten“, sagt Chefmechaniker Xavier (in der französischen Marine dürfen nur die Kommandanten mit vollem Namen genannt werden). Er streicht über einen Rafale-Motor. Zwanzig Ersatzmotoren werden an Bord geladen, damit keiner der Rafale-Kampfjets während der 45-Tage-Mission ins östliche Mittelmeer und in den Indischen Ozean ausfällt. Auch andere Ersatzteile werden auf Vorrat gehortet. Zu Hilfe kommen den Mechanikern dabei die digitalen Wartungsprogramme, die nach jedem Flug der Rafale-Jets melden, welches Teil der Pflege oder Reparatur bedarf. Die deutsche Marine, die ihre Beteiligung an der EU-Überwachungsmission Irini im Mittelmeer zu Jahresbeginn vorerst einstellen musste, weil der letzte verfügbare Seefernaufklärer defekt ist, dürfte von solchen Verhältnissen nur träumen.

Vereinte Helden der Lüfte: Manöver mit Verbündeten aus der Nato wie hier über Dänemark zählen zum Alltag der französischen Rafale-Piloten. Video/Foto: Marine nationale

Chefmechaniker Xavier erläutert, dass sich 585 Mechaniker rund um die Uhr um die Flugzeuge auf dem Flugzeugträger kümmern. „Wir arbeiten in Sechs-Stunden-Schichten“, sagt er. Innerhalb von zwei Stunden muss der Motor eines Rafale-Flugzeuges ausgetauscht werden können und wieder voll einsatzbereit sein. Er zeigt den Testtunnel, in dem reparierte Motoren geprüft werden. Über eine Spezialklappe im Bullauge wird der Dampf abgelassen, wenn der Motor innerhalb weniger Sekunden zur Höchstleistung aufdreht. „Wir tragen eine enorme Verantwortung. Es gibt keine Testflüge. Nach der Reparatur muss die Maschine startklar sein“, erläutert der Chefmechaniker. „Entweder der Jet hebt ab, oder er landet im Meer.“ Bürokratische Beschaffungsprozeduren und lange Autorisierungsverfahren sind für ihn Fremdwörter. „Wir wissen, dass wir auf hoher See auf uns selbst angewiesen sind“, sagt er.

Vor einem der Kampfjets in der Wartungshalle hat Präsident Emmanuel Macron Mitte November 2018 für „strategische Autonomie“ und verstärkte europäische Verteidigungskapazitäten plädiert. Als erster Staatschef übernachtete er in einer der Zwei-Mann-Kabinen, die den Offizieren vorbehalten sind. Die Mannschaften teilen sich spartanische Kabinen mit sechs bis sechzehn Betten. „Der einzige nukleargetriebene europäische Flugzeugträger ist ein Schmuckstück unserer Streitkräfte“, sagte Macron damals dem Fernsehsender TF1. Er sprach die Anfangsschwierigkeiten an, als das Schiff 2001 in Dienst gestellt wurde: „Viele glaubten, die Charles de Gaulle werde niemals zu See gehen. Doch jetzt haben wir einen technologisch ausgereiften Flugzeugträger, der das Herzstück unserer militärischen Glaubwürdigkeit bildet.“ Annegret Kramp-Karrenbauer knüpfte daran an, als sie im März 2019 in einem offenen Brief an Macron schrieb: „Im nächsten Schritt könnten wir mit dem symbolischen Projekt des Baus eines gemeinsamen europäischen Flugzeugträgers beginnen, um der globalen Rolle der EU als Sicherheits- und Friedensmacht Ausdruck zu verleihen.“ Die europäische Debatte über notwendige Instrumente militärischer Machtprojektion ist seither kaum vorangekommen. 

Der französische Präsident Emmanuel Macron im November 2018 an Bord der Charles de Gaulle: „Unser Schmuckstück“.
Der französische Präsident Emmanuel Macron im November 2018 an Bord der Charles de Gaulle: „Unser Schmuckstück“. Foto: Reuters



Im Dezember hat Macron in Eigenregie über den Neubau eines Flugzeugträgers mit nuklearem Antrieb entschieden, der 2038 die Charles de Gaulle ablösen soll. Die Augen Kommandant Pingets funkeln, als er auf das Nachfolgemodell zu sprechen kommt. Es werde in jedem Fall europäischer, denn Frankreich arbeite zusammen mit Deutschland und Spanien am New Generation Fighter, dessen Marineversion für die Plattform des neuen Flugzeugträgers ausgelegt wird. Theoretisch könnten somit auch deutsche Piloten für den Träger qualifiziert werden. Das neue Modell wird mit einer Verdrängung von 70000 Tonnen deutlich schwerer als die Charles de Gaulle, damit die New Generation Fighter des neuen Kampfflugzeugsystems FCAS darauf landen können.

Im Fahrstuhl, den die gewöhnliche Mannschaft nicht benutzen darf, geht es schnell nach oben auf die Kommandobrücke mit 180-Grad-Aussicht. Vor dem Bug hebt sich scherenschnittartig der Gebirgszug des Maurenmassivs ab. Der Kommandant schenkt Kaffee ein. „Am Ende des Kalten Krieges glaubten viele, Flugzeugträger seien ein Auslaufmodell. Das Gegenteil ist der Fall“, sagt er. „Geopolitische Projektionsfähigkeiten sind wichtiger denn je.“ Flugzeugträger seien nicht nur ein militärisches Instrument. Sie spielten eine wichtige Rolle für geheimdienstliche Aufklärung und politische Lageanalyse. „Wir sprechen von 42000 Tonnen Diplomatie“, sagt Pinget. Weltweit habe ein regelrechter Wettlauf zum Bau von Flugzeugträgern begonnen. Indien, Südkorea und vor allem China trieben Projekte voran. Auch die Türkei wolle dieses Jahr ein an spanischen Bauplänen orientiertes Modell in Dienst stellen. Amerika habe Milliarden für die neue Baureihe der Gerald-R.-Ford-Klasse bereitgestellt. 

Nur noch Rafale: Seit Frankreich die veralteten Super-Etendard ausgemustert hat, ist das von Dassault produzierte Kampfjet vorherrschend auf dem Flugzeugträger – bis der neue deutsch-französische Fighter kommt.
Nur noch Rafale: Seit Frankreich die veralteten Super-Etendard ausgemustert hat, ist das von Dassault produzierte Kampfjet vorherrschend auf dem Flugzeugträger – bis der neue deutsch-französische Fighter kommt. Foto: AFP

Der 48 Jahre alte Kapitän zur See lässt sich von den knapp 1800 Besatzungsmitgliedern, davon 15 Prozent Frauen, „Pascha“ nennen. Pinget schmunzelt und erzählt, dass der Kosename für die Kommandanten zurück auf den Krim-Krieg gehe, als Frankreich an der Seite der Türken und Engländer die Russen bekämpfte. Die Türkei ist bis heute ein wichtiger Nato-Verbündeter, aber ein schwieriger. Ende Januar 2020 war die Charles de Gaulle im Flottenverband im östlichen Mittelmeer unterwegs und entdeckte bei Aufklärungsflügen suspekte türkische Waffen- und Kriegsfahrzeuglieferungen in libyschen Häfen.

Für die Auswertung der Luftaufnahmen gibt es im stählernen Bauch des Flugzeugträgers ein eigenes geheimdienstliches Aufklärungszentrum, dessen schwer gesicherter Zugang hinter der Kommandozentrale für den Flottenverband liegt. Fregattenkapitän Thomas verweist auf einen der großen Bildschirme, auf dem die deutsche Fregatte Lübeck zu erkennen ist. „Die Charles de Gaulle ist nie allein unterwegs“, sagt Thomas. Im vergangenen Frühjahr zählte die Lübeck zu der Begleitformation. „Wir lernen viel voneinander“, sagt er. Auch ein U-Boot, Radarflugzeuge und Versorgungsschiffe eskortieren ständig die schwimmende Fliegerplattform. Mehr als 1,3 Milliarden Euro hat sich Frankreich die letzte, im September 2018 abgeschlossene Modernisierung des Flugzeugträgers kosten lassen, damit alle Nato-Standards erfüllt werden. 400 Kilometer Kabel wurden verlegt, vor allem die Informationstechnologie verschlang viel Geld. 

Die Flug-Marshaller auf der Charles de Gaulle beobachten die deutsche Fregatte Lübeck, die den Flugzeugträger eskortiert.
Die Flug-Marshaller auf der Charles de Gaulle beobachten die deutsche Fregatte Lübeck, die den Flugzeugträger eskortiert. Foto: Marine nationale

Vom relativen Komfort der doppelt so großen amerikanischen Flugzeugträger können die Franzosen nur träumen. Aber immerhin: So gutes Baguette wie auf der Charles de Gaulle gibt es bei den Amerikanern nicht. Die drei Bäcker backen täglich 1900 der knusprigen Stangenbrote. 30 Köche sind rund um die Uhr im Einsatz, insgesamt sind fast 100 Besatzungsmitglieder für das leibliche Wohl verantwortlich. Ein Seelsorger „für alle Religionen“ reist jedes Mal mit. Es gibt ein eigenes Bordradio und eine Fernsehsendung auf „Canal Charlie“. Seit der Modernisierung funktioniert auch das Internet. Aber die französische Art de vivre lebt an Bord fort. In der Offiziersmesse werden die Speisen von uniformierten Maitres d’hôtel am Tisch serviert, wovon die Festlandsfranzosen bei geschlossenen Restaurants nur träumen können. Die 100 Offiziere dürfen sich auch ein frisch gezapftes Bier oder einen guten Tropfen Rotwein nach Dienstschluss gönnen. Anders als für den Rest der Besatzung gilt für sie kein generelles Alkoholverbot. 

Auf alle Dienstgrade fällt der nachwirkende Zorn Napoleons. Der hat nach der verlorenen Seeschlacht von Trafalgar entschieden, dass den Marineangehörigen das Vertrauen stiftende „mon“ („mein“) dem Dienstgrad entzogen wird. Vom Admiral bis zum Matrosen fällt die Anrede deshalb bis heute nüchtern aus. Auch die schwarze Krawatte zählt weiterhin als Zeichen der Trauer über die Schmach von Trafalgar zur Standarduniform der Marine, wie Pinget erzählt. 

Bei 250 Stundenkilometer auf einer 260 Meter kurzen Piste zum Stehen kommen: das ist die Herausforderung für die Rafale-Piloten, die auf den Flugzeugträger landen. Bremskabel am Boden „fangen“ die Maschinen auf. Video/Foto: Marine nationale

Der Flugzeugträger hat viele technische Raffinessen. Eine ist die Dampfstrahl-Katapultanlage für die Flugzeuge, die sonst nur noch die Amerikaner nutzen. Aber wo sind die Flugzeuge? Chefpilot Jean zeigt lachend auf das leere Flugdeck, das sich vor dem gläsernen Cockpit erstreckt. Die Rafale können nur starten und landen, wenn das Schiff seine durchschnittliche Knotenstärke erreicht hat und der Wind den nötigen Auftrieb beim Start verstärkt, erläutert er. Deshalb heben die Kampfflieger von ihrer Heimatbasis in der Bretagne immer erst ab, wenn der Träger schon auf hohem Meer kreuzt. Manchmal führte das zu Streiterei, weil die Südlichter aus Toulon den Nordlichtern aus der Bretagne die besten Kabinen weggeschnappt hatten. 

Der 39 Jahre alte Chefpilot Jean spricht lieber über den Mannschaftsgeist, der auf der 261 Meter kurzen Flugbahn das Allerwichtigste sei. „Es herrscht viel Stress, wenn da 30 Flugzeuge Seite an Seite parken und 20 Flugzeuge innerhalb von zehn Minuten starten“, sagt er. So lässig wie Tom Cruise im neuen Trailer für die Fortsetzung des Erfolgsfilms „Top Gun“ auf der USS Abraham Lincoln schlendert niemand über das Flugdeck.

Der Leiter der Hauptflugkontrolle, Pilot Jean, in seinem Reich mit Rundblick auf das Flugdeck der „Charles de Gaulle“.
Der Leiter der Hauptflugkontrolle, Pilot Jean, in seinem Reich mit Rundblick auf das Flugdeck der „Charles de Gaulle“. Foto: Michaela Wiegel

Ein Hauch von Toppilotenstolz schwingt aber schon mit, wenn Jean auf die Ausbildung in der Naval Air Station Meridian in Mississippi zurückblickt. Der Chefpilot schwärmt vom Austausch mit den Amerikanern. „Unsere Anbindung ist sehr eng, 95 Prozent unserer Flugprozeduren sind identisch“, sagt er. Während der großen Wartungspause 2017/18 durften die französischen Nachwuchspiloten sogar vollständig auf der USS George W. Bush trainieren. Der Katapultstart sei brutal, „man wird da unsanft in den Sitz gedrückt“, schildert Jean. Bei der Landung darf der Motor nicht gedrosselt werden, denn sollten die Fangkabel nicht greifen, muss der Pilot sofort durchstarten können. Auf dem nächsten französischen Flugzeugträger soll die neuartige amerikanische Elektromagnettechnik eingebaut werden, die einen sanfteren Start ermöglicht. Auch das neue amerikanische Fangseilsystem soll eingebaut werden. 

Zum Start brauchen sie Wind: Rafale-Flieger auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle vor der Küste Zyperns.
Zum Start brauchen sie Wind: Rafale-Flieger auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle vor der Küste Zyperns. Foto: AFP

Flottillenadmiral Marc Aussedat findet es verstörend, dass Frankreich immer wieder in den Verdacht gerät, sich militärisch von den Vereinigten Staaten abkoppeln und die Nato aushebeln zu wollen. Der hochgewachsene Mann mit zwei silbernen Sternen auf den Epauletten leitet den Einsatzstab der französischen Marineeinsatzkräfte und wird zum „Commander Task Force“, sobald der Flottenverband um die Charles de Gaulle zu einer Mission aufbricht. Er betont, dass die französische Marine Nato-Prozeduren befolge, egal ob sie allein operiere oder unter Nato-Kommando stehe. „Sowie wir auf See sind, spreche ich Englisch“, sagt Aussedat.

Die deutsche Marine habe den Flugzeugträger schon oft eskortiert. „Die Fregatte Lübeck, ihr Kommandostab und ihre Mannschaft haben ein Niveau erreicht, dass ich ihnen die Sicherheit der Charles de Gaulle anvertrauen kann“, sagt der Flottillenadmiral. Er bedauere, dass deutsche Fregatten nicht häufiger zur Verfügung stehen. „Aber jede Marine hat ihren eigenen Rhythmus“, sagt er. Wichtig findet er, dass die deutsche Marine sich nach dem Vorbild anderer Europäer wie Großbritannien, Italien und Frankreich neu organisiert und einen nationalen Einsatzstab „Deu Marfor“ aufgebaut habe. Das künftige Kampfflugzeugsystem FCAS werde die beteiligten Europäer enger zusammenbringen. „Aber gemeinsames militärisches Handeln bleibt eine politische Entscheidung“, sagt Aussedat.

Landen künftig deutsche Piloten auf Frankreichs Flugzeugträger?

Die vier Buchstaben FCAS stehen für das größte Rüstungsprojekt Europas. Zu dem Future Combat Air System gehören Jagdflugzeuge (New Generation Fighter), Drohnen-Schwärme, Satelliten, Kommunikationstechnologie und die nächste Generation des fliegenden Radarsystems Awacs.

Dem von Deutschland und Frankreich 2017 initiierten Rüstungsvorhaben hat sich inzwischen Spanien angeschlossen, man hofft auf weitere europäische Partner. Der New Generation Fighter soll nicht nur mit den amerikanischen F-35 Jets mithalten, sondern sie technologisch überholen. Geplant wird ein System auf der Grundlage „der Technologie von morgen und übermorgen“ bekräftigten die Verteidigungsministerinnen beider Länder.

Frankreich will die New Generation Fighter auch mit nuklearen Sprengköpfen bestücken können. Eine Trägerversion, die für den neuen französischen Flugzeugträger gedacht ist, ist vorgesehen. Das FCAS-System, das von 2040 an einsatzfähig sein soll, schafft auf diese Weise eine neue strategische Option für Deutschland: Es wird das erste deutsch-französische Kampfflugzeug sein, das Atomwaffen tragen kann.

Frankreich will damit seine Rafale ersetzen, und auch Deutschland braucht ein modernes nuklearfähiges Flugzeug. Der Bundestag hat am 12. Februar 2020 ein Entwicklungsbudget von 77 Millionen Euro freigegeben. Doch zur Zeit erweisen sich die Verhandlungen über die intellektuellen Eigentumsrechte als schwierig. Dabei soll das Kampfflugzeugsystem das Entstehen einer gemeinsamen Sicherheitskultur beschleunigen. Frankreich entwickelt den neuen Flugzeugträger, der 2038 in Dienst gehen soll, mit Blick auf FCAS. Allein für den nuklearbetriebenen Träger werden Kosten von vier bis fünf Milliarden Euro veranschlagt. (mic.)
02.02.2021
Quelle: F.A.Z.

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