Commentary on Political Economy

Saturday, 17 April 2021

 

US-Wirtschaft und Corona: Ein Aufschwung nur für die Wohlhabenden

US-Wirtschaft und Corona: Wartende an einer Lebensmittelausgabe in Brooklyn, New York City
Wartende an einer Lebensmittelausgabe in Brooklyn, New York City © Spencer Platt/​Getty Images

    Überschwang gehört eigentlich nicht zu den typischen Eigenschaften eines US-Notenbankchefs. Seit der jahrzehntelangen Regentschaft des ehemaligen Federal-Reserve-Vorsitzenden Alan Greenspan üben sich die Amtsinhaber meist in Zurückhaltung, was allzu enthusiastische Prognosen zur Zukunft der US-Wirtschaft angeht. Schon deshalb überraschte der derzeitige Fed-Chef Jerome Powell mit seinen rosigen Aussichten: "Wir glauben, dass die Wirtschaft im Begriff ist, schneller zu wachsen (als erwartet) und der Arbeitsmarkt auch", sagte der 68-Jährige am vergangenen Sonntag im Interview mit dem TV-Magazin 60 Minutes. Und auch in der Finanzbranche könnte die Vorfreude kaum größer sein. JPMorgan-CEO Jamie Dimon schrieb in seinem jährlichen Brief an die Anleger, die US-Wirtschaft werde boomen. "Und dieser Boom könnte gut und gern bis 2023 anhalten", so der Bankenchef.

    Glaubt man den Aktienindizes, hat die US-Wirtschaft sogar schon jetzt volle Fahrt aufgenommen. Nach einem deutlichen Knick zu Beginn der Covid-Krise im vergangenen Jahr verzeichnet der S&P-500-Index wieder Rekordwerte und steht aktuell bei knapp 4.170 Punkten. Doch der Aufschwung hat einen Haken: Der Boom kommt größtenteils den Wohlhabenden zugute. Den reichsten zehn Prozent der US-Bevölkerung gehörten zu Beginn der Krise mehr als 87 Prozent der Aktien. Allein Jeff Bezos, dessen Unternehmen Amazon stark von der zunehmenden Nachfrage an gelieferten Waren profitierte, steigerte sein Vermögen seit Ausbruch der Pandemie von 113 auf 157 Milliarden Dollar – die Zahl der Milliardäre in den USA wuchs um 30 Prozent. Für die Reichen im Land wirkt es schon jetzt, als hätte es nie eine Krise gegeben.

    Das gilt auch für Besserverdiener, die während der Pandemie kaum von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Laut einer Datenerhebung mehrerer US-Universitäten sank die Beschäftigtenrate im Hochlohnbereich anfangs zwar um fast elf Prozent, hat sich aber mittlerweile wieder nahezu auf Vorkrisenniveau eingependelt. Viele gut bezahlte Bürojobs waren kaum betroffen: Statt in den Hochhäusern der Innenstadt arbeitete man eben von zu Hause aus. Größere Entlassungswellen gab es kaum.

    Doch der überschaubaren Zahl der Krisengewinner stehen Millionen Verlierer gegenüber. Wie so häufig handelt es sich dabei vornehmlich um die Armen im Land. Vor allem der Stillstand im Hotel- und Gastgewerbe hat zu einem Einbruch der Beschäftigtenzahlen im Niedriglohnsektor geführt, der bis heute nicht abgeklungen ist. Um zeitweise mehr als 37 Prozent sank die Beschäftigtenzahl bei den Arbeitnehmern, die weniger als 27.000 Dollar im Jahr verdienen. Und noch immer liegt sie knapp 30 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, denn viele Bundesstaaten öffnen ihre Wirtschaft nur langsam – zudem gingen laut Daten der National Restaurant Association mehr als 110.000 Gastronomiebetriebe während der Pandemie pleite.

    Und mit der Arbeitslosigkeit kam für viele US-Amerikaner die Armut. Unter den Menschen, die lediglich einen High-School-Abschluss erreicht haben, stieg die Armutsrate von 16,7 Prozent im vergangenen Juni auf 21,8 Prozent im Februar. Im vergangenen Herbst gingen Bilder von langen Autoschlangen vor den Essensausgaben um die Welt, weil Millionen Menschen in den USA sich kaum mehr Lebensmittel leisten konnten. Immerhin verabschiedete der Kongress in den vergangenen 13 Monaten insgesamt drei Hilfspakete, die neben einem erhöhten Arbeitslosengeld unter anderem auch jeweils Einmalzahlungen für die meisten US-Haushalte, Räumungsmoratorien für Mieter sowie einen Tilgungsstopp für Hausbesitzer vorsahen. Mit den entschiedenen Maßnahmen des US-Kongresses konnten zumindest kurzfristig Massenräumungen und Obdachlosigkeit verhindert werden, die den Nachgang der Finanzkrise von 2008 geprägt hatten.

    Die soziale Not ist dennoch groß. Laut Daten der Bundesregierung hatten 29 Prozent der US-Haushalte Ende März Probleme, laufende Ausgaben zu bezahlen. Besonders betroffen sind Minderheiten. Während "nur" 23 Prozent der weißen Haushalte darüber klagten, in den vergangenen sieben Tagen Probleme beim Bestreiten der üblichen Ausgaben zu haben, waren es bei schwarzen Haushalten 42 Prozent und in Latino-Haushalten sogar 43 Prozent. Das im März verabschiedete 1,9 Billionen Dollar schwere Hilfspaket von US-Präsident Joe Biden könnte dabei helfen, die Not zu lindern. Und das gilt vor allem für arme Familien. Befristet auf zunächst sechs Monate sieht der American Rescue Plan eine Steuervergünstigung für Kinder in Höhe von 250 bis 300 Dollar vor, die armen Familien direkt ausgezahlt wird. Außerdem gibt es erneut eine 1.400-Dollar-Einmalzahlung für die meisten Haushalte, eine Verlängerung des Räumungsstopps für Mieter und Zuschüsse zum oft geringen Arbeitslosengeld der Bundesstaaten.

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